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Gedanken zum Tod
Den Tod betrügen mit dem ewigen Leben, das wäre doch was. Ein großes Fest feiern mit dem Motto: der Tod ist tot, das wäre doch ein Fest. Doch wenn Ihr einmal so tot seid, wie ich jetzt bin, dann werdet Ihr dort sein, wo ich jetzt bin. Besiegen könnt Ihr den Tod nicht, belügen könnt Ihr den Tod nicht. Weg zaubern könnt Ihr den Tod nicht, weg operieren könnt Ihr den Tod nicht. Aber Ihr könnt lernen, zu leben mit dem Tod wie mit einem Freund, der es ehrlich mit Euch meint, wenn Ihr es ehrlich mit ihm meint.
Diese Welt zu verlassen, das ist große Not und das Bitterste am Tod. Euch nicht mehr zu sehen, dass war mein gefürchteter Tod. Für immer von Euch zu gehen, das war meine Not. Darum: mein Grabstein soll Euer Herz sein, Euer Denken soll mein Grabstein sein. Kein Mensch lebt zweimal, auch Ihr nicht. Viele leben nicht mal einmal, auch daran solltet Ihr denken. Die Botschaft des Lebens ist der Tod, die von den meisten unbegriffene Botschaft. Denn alt ist der Tod, uralt wie das Leben. Mit dem Leben gegeben und von uns genommen mit ihm. Und ein Tag wird der Letzte sein. Begreift das endlich, jetzt, in der Fülle Eueres Lebens, dem lebensvollen Glück dieser Stunde. Es gilt nicht, den Tod zu überlisten. Alle Menschen leben dem Tod entgegen. Es gilt, den Tod zu begreifen als die erste Mahnung des Lebens. Das ewige Leben ist jetzt, weil auch der ewige Tod jetzt ist. Sollten wir nicht darum versuchen, jede Stunde die uns gegeben, so zu leben, als ob es die letzte wäre? Ja, das Leben geht weiter, weiter als mein Leben geht. Und die Zeit geht weiter, weiter als meine Lebenszeit. Und je weiter die Zeit geht, umso vielgestaltiger werde ich wachsen: wachsen im Wald als Eiche oder Buche, wachsen auf einer Sommerwiese als Glockenblume, wachsen im Schilf am Seeufer, wachsen als Gedanken in den Gehirnen jener, die mich lesen werden. Wachsen, vergehen und auferstehen im ewigen Kreislauf der Zeiten und der Leben. Denn die Materie der menschlichen Ewigkeit besteht zuletzt aus vergessenen Namen in toten Sprachen, die niemand mehr lesen kann. Doch ein Baum ist ein Baum. Und eine Blume ist eine Blume. Und Menschen sind Menschen. Dies bis in alle Ewigkeit und jenseits aller Namen. Versucht besonders heute, den ganzen Tag, es nicht zu vergessen. Oder habt Ihr einen anderen Vorschlag, lebendiger zu leben?
Wann ist der Mensch am lebendigsten? Wahrscheinlich gerade dann nicht, wenn er es meint, es zu sein. Und gewiss dann nicht, wenn er meint, es sein zu müssen.
Ihr wollt glücklich sein, aber das Gefühl von Glück bleibt heute aus. Ihr wollt glücklich sein, aber Ihr seit es nicht. Ihr wollt lebendig sein, aber Ihr fühlt Euch fast so tot wie ich. Doch der Mensch ist am lebendigsten, in seinen frohen Erinnerungen, in seinen Hoffnungen, die andere mit einschließen. Wollen wir nicht darum gemeinsam hoffen, dass wir uns irgendwann in der Ewigkeit wieder sehen!
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